Abkenar - Skorpion Abkenar, Hossein Mortezaeian

Skorpion
Auf den Stufen des Bahnhofs von Andimeschk
oder Aus dem Zug tropft Blut, Herr …

Roman. Aus dem Persischen von Kurt Scharf
102 Seiten, gebunden
€ 17,95[D] € 18,50[A] SFr 25,90

ISBN 978-3-87410-113-4

Erschienen und ab 29. April 2013 bestellbar bei Verlag und Buchhandel.

Biografie   Leseprobe

Nach dem Krieg das Chaos

Der demobilisierte Soldat Morteza sitzt auf den Stufen des Bahnhofs von Andimeschk, um nach Teheran zurückzukehren. Ende des Iran-Irak-Krieges. Wird er von der Militärpolizei als vermuteter Deserteur wieder eingesammelt werden? Orientierungslos irrt seine Erinnerung zurück zu den Erlebnissen an der Front, dem Tod seines Kameraden Ssiawosh, mit dem er ständig wie mit einem Lebenden spricht, und den Tausenden von krepierenden Soldaten, die er auf seiner Fluchtfahrt in einem IFA-Lastwagen der DDR passiert. Er erlebt das Abliefern seiner Ausrüstung als gefährlichen Slapstick, erfährt von den irakischen Giftgasangriffen. Fantasiebilder von der Heimkehr zu den Eltern, makabre Erlebnisse beim Wacheschieben, im glühend heißen Unterstand, im Granatenhagel verfolgen ihn. Wunschträume mit Fußball spielenden Kindern mischen sich mit Albträumen vom Baden im brennenden Pool. Vollends gerät er ins Abseits durch den Tod des IFA-Fahrers und auf dem folgenden Fußmarsch, immer 'begleitet' von seinem gestorbenen Kameraden, den er drängt, statt seiner selbst auf den Zug nach Teheran zu springen. Als der Militärpolizist ihn von den Bahnhofsstufen abholt, sieht er sich als Ssiawosh, „als 'Märtyrer' gefallen“.
Der Roman ist ein stilistisches Meisterstück der modernen iranischen Literatur – über die Aktualität des Themas der Zerstörung des Individuums hinaus. Er knüpft an eine Fülle von literarischen Traditionen sowohl Persiens als der europäischen Moderne an. Schmerz und Trauer, Bewusstsein und Unbewusstes und die fragwürdige körperliche Identität offenbaren dem Leser die unauslotbare Dimension und die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz.

Biografie

Abkenar, Hossein Mortezaeian

Hossein Mortezaeian Abkenar, * 1964 Teheran, studierte Darstellende Künste und war Soldat im ersten Golfkrieg. 1999 erschien ein erster Band mit Erzählungen, 2003 ein weiterer. 2008 erhielt er den Preis der Golshiri-Stiftung in Teheran für den besten Debütroman. Nach der 3. Auflage durfte das Buch nicht mehr gedruckt werden, kursiert jedoch im Untergrund weiter. Auf dem Filmfestival von Cannes 2009 erhielt er in der Reihe „Un certain regard“ den Preis für das beste Drehbuch, das er für den Musikfilm „No one knows about Persian Cats“ von Bahman Ghobadi schrieb.

Leseprobe

„SKORPION“
Er stand am Rand der ungepflasterten Straße und hoffte, dass ihn vielleicht ein vorbeifahrendes Auto mitnähme. Von weitem sah er Habib, der am Erdwall seiner Einheit mit der Waffe in der Hand Wache schob und darauf wartete, dass der letzte Monat seines Dienstes zu Ende gehe. Eben jener Habib mit seinem dichten Lurenschnurrbart hatte beim Abschied so sehr geweint, dass sich zu seinen Füßen eine große, kreisförmige Lache gebildet hatte. Dann hatten sie sich umarmt und geküsst. Einen Augenblick lang hatte er daran gedacht, über Nacht dort zu bleiben und erst am Morgen aufzubrechen. Aber dann hatte er sich gesagt: „Nein, so bin ich am Morgen schon in Teheran.“ Um ihn herum war alles wüst, leer und vertrocknet. Es gab weder Bäume noch Grün, keine Mauern oder auch nur gebrannte oder ungebrannte Ziegel. Nichts. Er sagte: „Anscheinend nichts Neues, Kamerad. Los, gehn wir!“ Er warf sich den Tornister über die Schulter und brach auf. Er marschierte solange, bis er sich von jenem Erdwall, jener Landschaft und jenem Habib losgerissen hatte. Ab und zu drehte er sich um und betrachtete das Ende der Landstraße, ob sich dort hinten vielleicht die Staubwolke eines Jeeps oder eines alten IFA zeigte. Aber von beidem war weit und breit nichts zu sehen. Während er so vor sich hin marschierte, schaute er seine Stiefel an, die die Form seiner Füße angenommen hatten. Er musste lachen: ‘Die trag ich jetzt schon zwei Jahre lang. Kaum zu glauben! Nicht mal zum Schlafen hab ich sie ausgezogen.’ Als er in der Ferne das Tuckern eines IFA-Lastwagens hörte, blieb er stehen. Er winkte ihm schon von weitem zu, damit er ja nicht vorbeiführe, sondern ihn mitnähme. Der Fahrer des Lasters trat, als er noch etwa hundert Meter von ihm entfernt war, auf die Bremse und hielt zwanzig bis dreißig Meter vor ihm an. Der Fahrzeugauf bau war über und über mit Einschusslöchern übersät. Hinten hatte ihn eine Rakete des Typs RPG-7 durchbohrt und die Karosserie war von Schrapnellen und Gewehrkugeln durchsiebt. Einige Löcher waren so groß, dass eine Männerfaust hineingepasst hätte. Auch fehlte die Tür auf der Seite des Fahrers. Nur die Angeln waren noch da. Er sah, dass zwei Reifen platt waren und der IFA Laster schief lag. Er warf seinen Tornister auf den Sitz, griff nach der Türstange und zog sich hoch. Dann sagte er: „Komm rauf, Ssiâ. Gib mir die Hand!“
Und er machte ihm Platz. Der Fahrer sah ihn an und lachte: „Du bist Teheraner, oder?“
„Ja, kommst wohl von der Front?“
Der Fahrer antwortete: „Aber du nich, du sicher nich… Guck mal, da hinten!“
„Was ist denn das für ein Licht?“
„Seit drei Tagen bombardieren sie immerzu dieselbe Stelle. Und du, wo willst du hin?“
„Wir sind demobilisiert worden.“
Der Fahrer lachte wieder.
„Echt. Kannst du mir glauben.“
Und er holte ein blaues Pergamentpapier, seinen Entlassungsschein, aus der Tasche und zeigte es dem andern. Dann fragte er: „Und wo fährst du jetzt hin?“
Der Fahrer erwiderte: „Ich muss nach Andimeschk, Soldaten abholen.“

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