Oberhof, Isolde

Wie die Dinge laufen

Erzählung
96 Seiten, Br., Gestaltung: Johannes Steil
Euro 13,90 [D]  Euro 14,30 [A] SFr 25,80
ISBN 3-87410-097-9

Daniela Strigl, Wien (Jurorin in Klagenfurt):
Isolde Oberhofs Text ist mir sehr lesenswert erschienen. 
Ich wünsche dem Buch Alles Gute.

Ein Debüt voller Spannung und von novellistischer Qualität.

"Dreißigmal hat sie schon angerufen, aber immer wieder aufgelegt. Sie will unbedingt wissen, was mit ihm los ist, wie er lebt. Aber etwas hindert sie daran, auf sein Band zu sprechen. Sie entschließt sich, wenigstens zu seinem Haus zu fahren und einmal daran vorbeizugehen. 
Stattdessen hätte sie arbeiten sollen, studieren, den Aufsatz über die unerklärlichen Zufälle wenigstens lesen sollen. Doch dieser Hinnerk hat sich zwischen sie und die Welt gestellt. Auch zwischen sie und ihre Mutter. 
Bald drängen andere Dinge, erfordern ihre Aufmerksamkeit, sie muß tätig werden. Sie kommt mit einem anderen Mann in Verbindung: mit ihrem Vater. Er soll aus dem Krankenhaus geholt werden - er wird wichtig für sie, sie für ihn. Nach kurzem stirbt er ... Dann kommt ein Anruf."

Isolde Oberhof Isolde Oberhof, geboren 1959, 
Diplomstudium Soziologie, im Anschluß  Aufbaustudium Germanistik. 
Schauspielerfahrung in freien Theatergruppen. 
Redaktionelle Tätigkeit in einem Buchverlag. 
Erste Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften. Theaterkritiken, Reisereportagen in Tageszeitungen.

www.isoldeoberhof.de

Pressestimmen:

CULT: Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie, Nr. 23, November 2003.

Auf Peter Kirchheim sollte man ein Auge haben. Denn nicht selten macht der Münchner Kleinverleger mit dem schmalen Programm eine große Entdeckung. Ende der 80er waren das Simon Werle, Bernhard Setzwein und Helmut Krausser, in den 90ern dann Gabriele Stötzer und Laura Waco, in diesem Jahr nun beschert er uns erneut ein wundersames deutsches Debut, Isolde Oberhof mit Namen. "Wie die Dinge laufen" sind die 90 Seiten ihrer Erzählung überschrieben, und diese vielversprechende Lakonie wird eingelöst - in einem verblüffend eigenen Tonfall und bei weitem nicht so unbeteiligt, wie das zunächst klingen mag. Denn die nüchternen Worte der Erzählerin sind durchlässig für einen anderen Zustand, in die ordentlichen Aufzählungen der Dinge und Handlungen um sie herum brechen unverschämt Sätze ein, die sich breit machen zwischen den Faktizitäten, weil sie von der Möglichkeit sprechen - als unerfüllte Norm wie als verpasste Chance. Dreißigmal hat sie bei ihrer alten Liebe Hinnerk schon angerufen, vor dem Pieps aufgelegt. Den idealen Text kann sie nicht auf den Anrufbeantworter sprechen, nur niederschreiben; und danach konstatieren: "So in etwa hätte ich fragen müssen, auf das Band sprechen müssen. So wäre der Vorgang richtig gewesen."
Lange heißt die Erzählerin nur "ich", später Johanna, erst im allerletzten Satz wird sie sich auch selbst bei vollem Namen nennen. "Johanna Sojer", als Identifizierung in die Muschel des Telefons gesprochen, beschließt als Signatur ihr intimes Protokoll über die Feigheit vor dem Wiedersehen mit Hinnerk und über den Tod des Vaters. Bevor der Anrufer antworten kann, endet "Wie die Dinge laufen", dieses gelungene Stück Literatur über den Zufall, der wie bei Kleist als Zusammenfall und unsagbare Gleichzeitigkeit inszeniert wird und die Frage nach dem Sinn stellt, die der Mensch dem verleihen könnte. "Der Aufsatz, den ich zu lesen hatte, handelte von Synchronizitäten, von Parallelen, der Aufsatz, den ich angefangen und weggelegt, der Aufsatz, den ich begonnen hatte, als Hinnerk mir einfiel." Nachdem Johanna sich immer wieder bei Hinnerk gemeldet hatte, ohne sich zu melden, erhält auch sie solch schweigende Rufe, solch stumme Zeichen auf dem Anrufbeantworter. Stets scheint auf der anderen Seite einer zu fehlen; nur einmal nehmen die durch die Kabel Wählenden gleichzeitig den Hörer in die Hand - als Johannas Mutter ihr vom bevorstehenden Tod des Vaters erzählt. Auch so ein Zusammentreffen, ein Zufall, ein Einbruch jedenfalls, der die Dinge anders laufen lässt. Isolde Oberhof erzählt von Gleichzeitig- und Ähnlichkeiten, die wissenschaftlich kaum, subjektiv aber immer begründbar sind - schlicht weil sie wahrgenommen werden. Die Autorin lässt durch Johannas Augen die Zeichen der Welt lesen, diese seltsamen Wiederholungen erkennen, die Bedeutung erlangen, weil man nicht anders kann, als sie damit aufzuladen. Kein überflüssiges Wort findet sich in dieser verdichtet kargen Prosa: Schließlich liegt der Raum, den Isolde Oberhof beschreibt, zwischen den Buchstaben.
Katrin Schuster

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