Kratzert, Armin: Berggasse 19 Kratzert, Armin

Berggasse 19

Roman.
152 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
€ 18,95 [D] € 19,50 [A] SFr 31,80
ISBN 978-3-87410-131-8


Biografie  Leseprobe

Ein Doppelmord ist geschehen, 1914.
Die Stimmung ist angespannt. Wenige Monate bevor der Krieg ausbricht, hat sich Franz Kafka in Wien eingemietet, in dem Haus, in dem Dr. Sigmund Freud praktiziert. Man kommt ins Gespräch. Im Kaffeehaus hat er eine Josefine kennengelernt. Und er hat den ersten Satz seines neuen Romans hingeschrieben: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“.
Aber wie weiter?

Leseprobe

Kafka schreibt. Er sitzt in der Küche und hat die Schuhe ausgezogen. Zwei leere Bierflaschen stehen im Ausguss. Auf dem Tisch ein Schinkenbrot. Die Zeitung. Eine Handvoll Haselnüsse.
Liebe Felice, schreibt er. Zwar geht es mir gut in Wien. Ich habe eine schöne Wohnung. Die Arbeit schreitet voran. Im Hof blüht eine Rose. Doch du fehlst mir. Das ist wahr. Du wolltest nicht mit mir nach Wien. Ich konnte nicht in Prag bleiben. Berlin ist mir fremd. Aber wir sollten miteinander sprechen. Eine Liebe ist nicht selbstverständlich. Sie bedeutet Arbeit. Das habe ich gelernt. Wenn wir es wollen, können wir zusammen leben. Daran glaube ich. Wir müssen kleine Schritte machen. Reden. Uns ansehen. Zuhören. In den letzten Monaten war viel Stille um uns. Das ist nicht gut. Lass uns diese Welt gemeinsam anschauen. Ich will deine Stimme hören. In deine Augen blicken. Deine Haut riechen. Franz.
Kafka faltet den Brief und schreibt die Adresse auf den Umschlag. Felice Bauer, Berlin.
Nur ein bisschen Papier. Kafka kommt es vor, als hätte er ein Stück von sich selbst hineingepackt.
[...]
Briefe, Formulare, Tagebuch, Einkaufszettel. Es gibt immer etwas zu schreiben. Oft ist es eine Flucht. Manchmal fällt ihm nichts ein. Dann läuft er durch die Wohnung und schiebt Stühle in eine Reihe. Denkt an ein kaltes Bier. Oder an das Wasser der Moldau, das ihn beim Schwimmen weich umfängt. Aber in Prag gibt es noch mehr Ablenkungen. Arbeit, Familie, Nachbarn. Hier ist er allein. Das schmerzt oft. Es ist schwer. Genau das hat er gewollt. In der Wipplingerstraße ist es dunkel.[...] Das Cafe Central voller Lärm. Tabaksqualm, Weindunst. Er bestellt Cognac. Stürzt das Glas hinunter. Trinkt etwas Wasser. So ist es gut. Deine Schuhe gefallen mir, sagt das Mädchen auf der Bank neben ihm. Wie bitte, sagt Kafka. Aber dein Anzug ist doch etwas zu dunkel und streng. Meinen sie mich, fragt Kafka und rutscht auf seinem Stuhl ein wenig nach vorn. Und deine Augen, fährt das Mädchen fort. Sie kennen mich gar nicht, stellt Kafka fest.
Ich hab dich hier schon mal gesehen. Einmal höchstens, sagt Kafka.
Gefällt es dir? Würden sie mir ihren Namen verraten? Josefine.

Biografie

Armin Kratzert
Foto: Isolde Ohlbaum

Armin Kratzert ist 1957 in Augsburg geboren, studierte Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Literatur. Danach arbeitete er als freier Journalist und Fernsehautor und ist seit 1986 für das Fernsehen des Bayerischen Rundfunks tätig. Er schreibt Gedichte, Theaterstücke und Romane und lebt in München.
Veröffentlichungen zwischen 1998 und 2009: einige Bücher und Theaterstücke, u. a. Hawaii, Roman, Viechtach 2005; Hundertmark, Roman, München 2006 und Magnolia, Roman, München 2008.
Zuletzt erschien Beckenbauer taucht nicht auf, Utopischer Roman, 2012, 2. Auflage 2012 bei P. Kirchheim.

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